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Vollständige Version anzeigen : Aus Mühle wird Bordell


MC
26.07.06, 12:04
WEINHEIM Die Hildebrandsche Mühle mit ihrem 40 Meter hohen Backsteinsilo, vier putzige Türmchen an jeder Ecke, mutet an wie ein Schloss. Zu dem Ensemble in Weinheim an der Bergstraße gehört eine 1882 errichtete Villa, die ebenfalls 1994 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die Überreste des Traditionsbetriebs, der zu den Großen in Europa gehörte, gelten als eines der bedeutendsten Baudenkmäler im Rhein-Neckar-Dreieck. Seit Jahren schon ist die Mühle dem Verfall ausgeliefert, bald soll neues Leben in die Ruine kommen - ein Freudenhaus.

Das Vorhaben zweier Investoren aus Bad Homburg ist in der Stadt mit 43 000 Einwohnern heftig umstritten. Bremsversuche des Gemeinderats wurden von Richtern gerügt. Die Bauvoranfrage musste positiv beschieden werden, weil es sich um ein Gewerbegebiet handelt, wo das "horizontale Gewerbe" nicht verboten werden kann. Ein Bürgerbegehren kam mangels ausreichender Unterschriften nicht zustande. Der Petitionsausschuss des Landtags wurde eingeschaltet, gleichfalls vergeblich. "Es gab leider keinen Ermessensspielraum", erklärte der CDU-Abgeordnete Georg Wacker, "aus moralischen Gründen hätten wir der Bürgerinitiative, die das Großbordell verhindern will, gerne Recht gegeben."

Nachbarn wollen klagen

Die Mühle war seit der Einstellung des Betriebs im Jahr 1982 schon für viele Pläne gut. Im Gespräch waren Seniorenheim, Spielcasino, Hotel, technisches Museum, Wohn- und Geschäftszentrum, ein Hochhaus mit 14 Etagen. Doch verwirklichen ließ sich davon nichts. Dann überraschten im Februar 2004 die neuen Eigentümer mit ihren Absichten.

Geplant ist ein Amüsierbetrieb mit 40 Zimmern, Restaurant, großem Pool und Sauna. Offiziell ist das Freudenhaus eine "Freizeiteinrichtung mit der Möglichkeit, gegen Vergütung Verträge über sexuelle Dienstleistungen abzuschließen". Derlei Vergnügen ist in Weinheim bisher nur in sehr beschränktem Umfang möglich. Stadtsprecher Kern sind allenfalls zwei bis drei Wohnungen bekannt, in denen Prostituierte ihrem Handwerk nachgehen.

Erhitzte allein schon der Plan die Gemüter, war die Aufregung jetzt umso größer, als bekannt wurde, dass die Bauherren für den "denkmalpflegerischen Mehraufwand" einen Zuschuss von 232 000 Euro erhalten werden. Die Unterstützung werde unabhängig von der Nutzung des Gebäudes gewährt, verlautete aus dem Regierungspräsidium Karlsruhe. Für Hans Bayer vom "Bündnis für Weinheim" ist die öffentliche Förderung gleichwohl "grotesk". Er, der in der Nähe der Mühle wohnt, und seine Mitstreiter wollen gegen die Baugenehmigung klagen. Für einen Prozess seien sie gut gerüstet, sagte Bayer schon vor Wochen: "Die Kriegskasse ist gut gefüllt." Dass ein Bordell ausgerechnet dort entstehen soll, wo einst klerikale Sittsamkeit herrschte, verstärkt die Ablehnung. Heimatkundler wollen herausgefunden haben, dass bei der einst dem Kloster Lorsch gehörenden Mühle ein Nonnenkloster bestand. Die Fundamente viereckiger Kammern werden als Zellen für jene Mönche gedeutet, die die Mühle anfangs betrieben haben.

All dies spielt aber keine Rolle, wenn demnächst über den Bauantrag entschieden werden muss. "Wir rechnen damit im Herbst", sagte Roland Kern. Der Gemeinderat könne dann nur "gestalterisch einwirken", damit Anlieger möglichst wenig belästigt würden.

Quelle (http://www.suedwest-aktiv.de/region/neuekreisrundschau/suedwestumschau/2327977/artikel.php?SWAID=33daa49b43c80e1f18885a46d3bf15f7 )