Thea
13.01.11, 19:36
Heute Abend, 22:00 Uhr, WDR 3 - FrauTV
Wdh. Mo, 17.Jan, 11:30 Uhr
Senderankündigung:
Loverboys - wie Kinder und junge Mädchen in die Prostitution gelockt werden
Es passiert vor Schulen, in Schnellrestaurants, in der Einkaufszone oder bei Facebook im Internet. So genannte „Loverboys“ sprechen junge Mädchen an, machen sie gefügig und treiben sie in die Prostitution. Manche Opfer sind erst 11, 12 Jahre alt. Die Männer suchen gezielt nach Mädchen, die sich gerade mit ihrem Leben nicht wohl fühlen – aus welchen Gründen auch immer. Bei den Loverboys jedoch spielt es keine Rolle aus welchem sozialen Milieu das Mädchen stammt. „Es kann jedes Mädchen in jeder Familie treffen“, sagt Bärbel Kannemann, pensionierte Polizistin. Sie arbeitet seit Jahren für die holländische Stiftung „StopLoverboys“, die dafür kämpft, Minderjährige aus dem Rotlichtmilieu zu befreien. Einziges Auswahlkriterium ist nach Erfahrung von StopLoverboys, dass die Mädchen im Moment der Kontaktaufnahme in einer schwierigen Lebenssituation sind. Mal sind es Beziehungsprobleme oder die Scheidung der Eltern, ein Krankheits- oder Todesfall in der Familie. Oder das Mädchen hat gerade einen Schulwechsel hinter sich und noch nicht genügend neue Freunde gefunden.
Seit August informiert die Stiftung auf ihrer Internetseite auf Deutsch. Doch gibt es Loverboys auch in Deutschland? Dazu Bärbel Kannemann: „Es ist mit Sicherheit kein holländisches Phänomen. Es ist ein Problem in vielen Ländern, aber in Holland wird viel darüber gesprochen. Betroffene sprechen drüber und auch Angehörige. Wie viele betroffen sind, kann man aber nicht sagen. Offizielle Zahlen in Holland und Schätzungen schwanken sehr stark. 2008 gab es 200 Fälle. 2009 schon 800.
Wenig dokumentierte deutsche Fälle, doch eine hohe Dunkelziffer
Inzwischen spricht man von 2.500, manche sogar von 5.000 Fällen im vorigen Jahr. In Deutschland gibt es kaum Zahlen. Das Bundeskriminalamt dokumentierte 2009 und 2010 zusammen nur drei Fälle. Aber bei mir haben sich in einer Woche acht Fälle gemeldet. Also, es gibt auch da keine eindeutigen Zahlen.“
Bärbel Kannemann war erstmals im November 2010 zu einem Informationsabend von Polizei und Kinderschutzorganisationen in Heidelberg geladen. Die kleine Stadtbücherei war dem Ansturm kaum gewachsen, mehr als 200 Leute konnten nicht eingelassen werden, es kamen deutlich mehr. Auch die dpa berichtete daraufhin und die Meldung wurde von mehr als Hundert Zeitungen übernommen. Daraufhin meldeten sich bei Bärbel Kannemann innerhalb einer Woche acht neue deutsche Fälle. Es ist also auf jeden Fall davon auszugehen, dass die Dunkelziffer der Loverboy-Opfer wesentlich höher ist. Das Problem sei, so Bärbel Kannemann, dass in Deutschland so wenig über das Phänomen Loverboys gesprochen wird. Betroffene denken deshalb, sie seien Einzelfälle und wissen oft nicht, an wen sie sich wenden sollen, wenn sie nach Hilfe suchen.
Loverboys heucheln Zuneigung bis die Mädchen verliebt sind
Oft sprechen Loverboys die Mädchen vor der Schule an.
Und so gehen die Loverboys vor: Der neue Freund hat Geld, überhäuft das Mädchen mit Geschenken, ist liebevoll. Er schenkt dem Mädchen Aufmerksamkeit. Endlich hat jemand ein offenes Ohr für ihre Sorgen. Der perfekte Typ zum Verlieben. Die Loverboys sind in der Regel Männer zwischen 16 und 25, 30 Jahren. Viele sind frühere Kleinkriminelle, die hoffen mit den minderjährigen Mädchen das große Geld zu verdienen.
Die Männer heucheln Zuneigung, sehen aber in den Mädchen lediglich Objekte, mit denen sie Geld verdienen wollen. Für das Mädchen ist die neue Welt, in die es sich begibt zunächst verführerisch, aufregend und geheimnisvoll - Flirts, Alkohol, Drogen. Schnell sind sie verliebt. Und schleichend entfremdet der Loverboy sie auf diese Weise ihrer Umgebung. So provoziert er zum Beispiel, dass das Mädchen zu Hause Schwierigkeiten bekommt, etwa indem sie sich ständig verspätet. Oder er hetzt sie gegen ihre Familie auf. Zudem hat sie keine Zeit mehr, andere Freundschaften zu pflegen, weil der Loverboy ihre komplette Zeit in Anspruch nimmt. Es ist sein Ziel, dass das Mädchen keine anderen sozialen Kontakte mehr hat als ihn. Parallel dazu finanziert er, bis sie abhängig ist, ihren Drogenkonsum. Dann ist sie nicht nur emotional, sondern auch finanziell abhängig von ihm, wenn sie weiter an Drogen herankommen will. Ein Druckmittel, mit dem er sie dann zur Prostitution zwingt.
Gefügig gemacht durch Drogen, Gewalt und Erpressung
Die Initiative StopLoverboys unterstützt den Ausstieg aus der Prostitution.
Auch die 15-jährige Samantha aus Holland stürzte ahnungslos ins Verderben: „Ich war 11, da sprach er mich auf der Strasse an. Er war schon 18. Ich fand ihn total toll. Irgendwann gingen wir zu ihm. Er wollte mit mir schlafen. Ich sagte, ich bin zu jung dafür. Ich bin erst 11. Da vergewaltigte er mich. So fing alles an.“
Vier Jahre lang arbeitete Samantha für den Loverboy in der Prostitution. In Holland und in Deutschland! Denn unter den Sexclubs herrscht ein reger Grenzverkehr. Man könnte auch sagen: Die Freier verlangen regelmäßig nach Frischfleisch.
Das Vorgehen ist typisch. Schnell drängt der Loverboy zum Sex. Und das ist meist der Punkt, an dem die Situation kippt. Schon die ersten sexuellen Erfahrungen gehen häufig einher mit Gewalterfahrungen. Die Mädchen stehen dabei fast immer stark unter Drogen und werden vergewaltigt, nicht selten sind es auch Massenvergewaltigungen. Die jungen naiven Opfer können den plötzlichen Wandel im Verhalten des Freundes nicht fassen, vergeblich hoffen sie darauf, dass er wieder so zu ihr sein wird wie vor den Gewalttätigkeiten. Stattdessen werden die Mädchen weiter unter Drogen gesetzt, eingeschüchtert und mit Prügel und Gewalt zur gefügigen Prostituierten gemacht. So werden Mädchen häufig damit bedroht, dass von ihnen Nacktfotos ins Netz gestellt oder geliebte Familienmitglieder umgebracht werden.
Die holländische Stiftung StopLoverboys hat auch Samantha im Rotlichtmilieu aufgespürt und ihr Mut gemacht, zu fliehen. Auch Samantha versteckte die Stiftung vor ihrem Zuhälter und kümmerte sich darum, dass sie schnell eine Therapie beginnen konnte.
Ein ausgeklügeltes System aus Kontrolle, Macht, Belohnung
Gewalt und Erpressung halten die Mädchen in der Prostitution.
Doch längst nicht alle Mädchen arbeiten wie Samantha in Sexclubs. In vielen Fällen macht der Loverboy Termine mit Freiern auf Parkplätzen, Privatpartys oder in extra angemieteten Räumen. Samantha war immer wieder entsetzt wie wenig es Freier interessierte, bei ihr Spuren von Misshandlung zu sehen. Der Freier zahlt, also will er seine Ware, Sex mit Minderjährigen. Geld bekommen die Mädchen übrigens keins, ausschließlich Drogen. Ein ausgeklügeltes System aus Kontrolle, Macht, Belohnung. Über ihre Folterungen will Samantha selbst nicht sprechen. Bärbel Kannemann tut es für sie: „Samantha hat sehr unter Quälereien gelitten. Ein Beispiel ist, dass sie kalt duschen musste, stundenlang, und danach musste sie stundenlang draußen in der Kälte stehen. Die Kleidung ist ihr dabei am Köper festgefroren! Eine andere Art der Misshandlung war - dazu muss man sagen, die Mädchen müssen sich oft Tatoos machen lassen mit den Initialen der Loveboys - dass die Tatoos bei Samantha mit Zigaretten in ihren Körper gebrannt wurden. Und sie musste die Zigaretten selber anzünden, damit man sie weiter quälen konnte.“
Bärbel Kannemann wundert sich deshalb nicht, dass die Mädchen nicht weglaufen. Die Angst ist zu groß. Häufig werden die Mädchen auch gezwungen, dabei zuzusehen wie andere bestraft und gequält werden. Die Androhung: Da siehst du, was passiert, wenn du nicht gehorchst. „Ich glaube, wenn man das mitgemacht hat, bei Quälereien anderer zugucken musste, weiß man was passiert, wenn man nicht weit genug weglaufen kann, nicht wirklich in Sicherheit kommt“, begründet Bärbel Kannemann. „Und wenn man nicht weiß, wo man diese Sicherheit bekommen kann, dann läuft man nicht weg.“
Wegen der vielen Drogen sind Samanthas Erinnerungen nur bruchstückhaft. Was sie weiß ist, dass sie in Holland und Deutschland arbeitete. Doch wo genau - Düsseldorf, Köln? Wie soll sie so vor Gericht nachweisen, was ihr passiert ist? Das ist eines der Probleme, warum es selten zur Verurteilung eines Loverboys kommt. Das Mädchen hätte ja weglaufen können, argumentieren die meisten angeklagten Zuhälter. Warum hat sie es nicht getan? Also geschah die Prostitution doch freiwillig! Im Prozess gegen den Loverboy steht deshalb häufig Aussage gegen Aussage.
Es gibt Warnsignale für Eltern
Manche Mädchen leben scheinbar ganz normal zu Hause.
Mit Fotos sucht „StopLoverboys“ im Internet nach Mädchen, die in Holland verschwunden sind. Doch noch unglaublicher sind Fälle, wo Mädchen gar nicht erst untertauchen. Viele Mädchen leben tatsächlich weiter zu Hause, manche sogar noch jahrelang, ohne dass ihre Eltern ahnen, dass ihre minderjährigen Töchter sich prostituieren müssen. Manche Loverboys sogen sogar dafür, dass nicht zu viele Fehlzeiten im Zeugnis stehen, dass wichtige Arbeiten mitgeschrieben werden. Und die Eltern haben keine Ahnung, weil die Mädchen aus Angst perfekt lügen.
Dabei gibt es Warnsignale: ständiges Duschen und langärmlige Kleidung etwa, um Misshandlungsspuren zu verdecken, oder mehrere Handys, die ein Jugendlicher gar nicht braucht, auch viele Fehlzeiten in der Schule oder keine Teilnahme am Sportunterricht. Sollten mehrere dieser Hinweise zutreffen, sollten Eltern misstrauisch werden. Doch wie sollen sie Warnsignale erkennen, wenn sie noch nie etwas von Loverboys gehört haben? Deshalb ist es Bärbel Kannemann ein wichtiges Anliegen, umfassend auch bei uns in Deutschland über Loverboys zu informieren. In Holland wird seit Jahren offen über das Problem diskutiert. Es gibt sogar spezielle Therapien für betroffene Loverboyopfer. Auch Samantha ist mittlerweile in einer solchen Therapie untergekommen. Bärbel Kannemann und ihre Kollegin Anita de Witt von „StopLoverboys“ durchkämmen weiter die Rotlichtmilieus. Doch trotz Hilfe, nicht immer gelingt der Ausstieg. Die wenigsten Opfer können jemals ein geregeltes Leben führen. Und ohne Perspektive kehren deshalb immer wieder befreite Mädchen zu ihrem Loverboy zurück.
http://www.stoploverboys.nu/sitede/
Wdh. Mo, 17.Jan, 11:30 Uhr
Senderankündigung:
Loverboys - wie Kinder und junge Mädchen in die Prostitution gelockt werden
Es passiert vor Schulen, in Schnellrestaurants, in der Einkaufszone oder bei Facebook im Internet. So genannte „Loverboys“ sprechen junge Mädchen an, machen sie gefügig und treiben sie in die Prostitution. Manche Opfer sind erst 11, 12 Jahre alt. Die Männer suchen gezielt nach Mädchen, die sich gerade mit ihrem Leben nicht wohl fühlen – aus welchen Gründen auch immer. Bei den Loverboys jedoch spielt es keine Rolle aus welchem sozialen Milieu das Mädchen stammt. „Es kann jedes Mädchen in jeder Familie treffen“, sagt Bärbel Kannemann, pensionierte Polizistin. Sie arbeitet seit Jahren für die holländische Stiftung „StopLoverboys“, die dafür kämpft, Minderjährige aus dem Rotlichtmilieu zu befreien. Einziges Auswahlkriterium ist nach Erfahrung von StopLoverboys, dass die Mädchen im Moment der Kontaktaufnahme in einer schwierigen Lebenssituation sind. Mal sind es Beziehungsprobleme oder die Scheidung der Eltern, ein Krankheits- oder Todesfall in der Familie. Oder das Mädchen hat gerade einen Schulwechsel hinter sich und noch nicht genügend neue Freunde gefunden.
Seit August informiert die Stiftung auf ihrer Internetseite auf Deutsch. Doch gibt es Loverboys auch in Deutschland? Dazu Bärbel Kannemann: „Es ist mit Sicherheit kein holländisches Phänomen. Es ist ein Problem in vielen Ländern, aber in Holland wird viel darüber gesprochen. Betroffene sprechen drüber und auch Angehörige. Wie viele betroffen sind, kann man aber nicht sagen. Offizielle Zahlen in Holland und Schätzungen schwanken sehr stark. 2008 gab es 200 Fälle. 2009 schon 800.
Wenig dokumentierte deutsche Fälle, doch eine hohe Dunkelziffer
Inzwischen spricht man von 2.500, manche sogar von 5.000 Fällen im vorigen Jahr. In Deutschland gibt es kaum Zahlen. Das Bundeskriminalamt dokumentierte 2009 und 2010 zusammen nur drei Fälle. Aber bei mir haben sich in einer Woche acht Fälle gemeldet. Also, es gibt auch da keine eindeutigen Zahlen.“
Bärbel Kannemann war erstmals im November 2010 zu einem Informationsabend von Polizei und Kinderschutzorganisationen in Heidelberg geladen. Die kleine Stadtbücherei war dem Ansturm kaum gewachsen, mehr als 200 Leute konnten nicht eingelassen werden, es kamen deutlich mehr. Auch die dpa berichtete daraufhin und die Meldung wurde von mehr als Hundert Zeitungen übernommen. Daraufhin meldeten sich bei Bärbel Kannemann innerhalb einer Woche acht neue deutsche Fälle. Es ist also auf jeden Fall davon auszugehen, dass die Dunkelziffer der Loverboy-Opfer wesentlich höher ist. Das Problem sei, so Bärbel Kannemann, dass in Deutschland so wenig über das Phänomen Loverboys gesprochen wird. Betroffene denken deshalb, sie seien Einzelfälle und wissen oft nicht, an wen sie sich wenden sollen, wenn sie nach Hilfe suchen.
Loverboys heucheln Zuneigung bis die Mädchen verliebt sind
Oft sprechen Loverboys die Mädchen vor der Schule an.
Und so gehen die Loverboys vor: Der neue Freund hat Geld, überhäuft das Mädchen mit Geschenken, ist liebevoll. Er schenkt dem Mädchen Aufmerksamkeit. Endlich hat jemand ein offenes Ohr für ihre Sorgen. Der perfekte Typ zum Verlieben. Die Loverboys sind in der Regel Männer zwischen 16 und 25, 30 Jahren. Viele sind frühere Kleinkriminelle, die hoffen mit den minderjährigen Mädchen das große Geld zu verdienen.
Die Männer heucheln Zuneigung, sehen aber in den Mädchen lediglich Objekte, mit denen sie Geld verdienen wollen. Für das Mädchen ist die neue Welt, in die es sich begibt zunächst verführerisch, aufregend und geheimnisvoll - Flirts, Alkohol, Drogen. Schnell sind sie verliebt. Und schleichend entfremdet der Loverboy sie auf diese Weise ihrer Umgebung. So provoziert er zum Beispiel, dass das Mädchen zu Hause Schwierigkeiten bekommt, etwa indem sie sich ständig verspätet. Oder er hetzt sie gegen ihre Familie auf. Zudem hat sie keine Zeit mehr, andere Freundschaften zu pflegen, weil der Loverboy ihre komplette Zeit in Anspruch nimmt. Es ist sein Ziel, dass das Mädchen keine anderen sozialen Kontakte mehr hat als ihn. Parallel dazu finanziert er, bis sie abhängig ist, ihren Drogenkonsum. Dann ist sie nicht nur emotional, sondern auch finanziell abhängig von ihm, wenn sie weiter an Drogen herankommen will. Ein Druckmittel, mit dem er sie dann zur Prostitution zwingt.
Gefügig gemacht durch Drogen, Gewalt und Erpressung
Die Initiative StopLoverboys unterstützt den Ausstieg aus der Prostitution.
Auch die 15-jährige Samantha aus Holland stürzte ahnungslos ins Verderben: „Ich war 11, da sprach er mich auf der Strasse an. Er war schon 18. Ich fand ihn total toll. Irgendwann gingen wir zu ihm. Er wollte mit mir schlafen. Ich sagte, ich bin zu jung dafür. Ich bin erst 11. Da vergewaltigte er mich. So fing alles an.“
Vier Jahre lang arbeitete Samantha für den Loverboy in der Prostitution. In Holland und in Deutschland! Denn unter den Sexclubs herrscht ein reger Grenzverkehr. Man könnte auch sagen: Die Freier verlangen regelmäßig nach Frischfleisch.
Das Vorgehen ist typisch. Schnell drängt der Loverboy zum Sex. Und das ist meist der Punkt, an dem die Situation kippt. Schon die ersten sexuellen Erfahrungen gehen häufig einher mit Gewalterfahrungen. Die Mädchen stehen dabei fast immer stark unter Drogen und werden vergewaltigt, nicht selten sind es auch Massenvergewaltigungen. Die jungen naiven Opfer können den plötzlichen Wandel im Verhalten des Freundes nicht fassen, vergeblich hoffen sie darauf, dass er wieder so zu ihr sein wird wie vor den Gewalttätigkeiten. Stattdessen werden die Mädchen weiter unter Drogen gesetzt, eingeschüchtert und mit Prügel und Gewalt zur gefügigen Prostituierten gemacht. So werden Mädchen häufig damit bedroht, dass von ihnen Nacktfotos ins Netz gestellt oder geliebte Familienmitglieder umgebracht werden.
Die holländische Stiftung StopLoverboys hat auch Samantha im Rotlichtmilieu aufgespürt und ihr Mut gemacht, zu fliehen. Auch Samantha versteckte die Stiftung vor ihrem Zuhälter und kümmerte sich darum, dass sie schnell eine Therapie beginnen konnte.
Ein ausgeklügeltes System aus Kontrolle, Macht, Belohnung
Gewalt und Erpressung halten die Mädchen in der Prostitution.
Doch längst nicht alle Mädchen arbeiten wie Samantha in Sexclubs. In vielen Fällen macht der Loverboy Termine mit Freiern auf Parkplätzen, Privatpartys oder in extra angemieteten Räumen. Samantha war immer wieder entsetzt wie wenig es Freier interessierte, bei ihr Spuren von Misshandlung zu sehen. Der Freier zahlt, also will er seine Ware, Sex mit Minderjährigen. Geld bekommen die Mädchen übrigens keins, ausschließlich Drogen. Ein ausgeklügeltes System aus Kontrolle, Macht, Belohnung. Über ihre Folterungen will Samantha selbst nicht sprechen. Bärbel Kannemann tut es für sie: „Samantha hat sehr unter Quälereien gelitten. Ein Beispiel ist, dass sie kalt duschen musste, stundenlang, und danach musste sie stundenlang draußen in der Kälte stehen. Die Kleidung ist ihr dabei am Köper festgefroren! Eine andere Art der Misshandlung war - dazu muss man sagen, die Mädchen müssen sich oft Tatoos machen lassen mit den Initialen der Loveboys - dass die Tatoos bei Samantha mit Zigaretten in ihren Körper gebrannt wurden. Und sie musste die Zigaretten selber anzünden, damit man sie weiter quälen konnte.“
Bärbel Kannemann wundert sich deshalb nicht, dass die Mädchen nicht weglaufen. Die Angst ist zu groß. Häufig werden die Mädchen auch gezwungen, dabei zuzusehen wie andere bestraft und gequält werden. Die Androhung: Da siehst du, was passiert, wenn du nicht gehorchst. „Ich glaube, wenn man das mitgemacht hat, bei Quälereien anderer zugucken musste, weiß man was passiert, wenn man nicht weit genug weglaufen kann, nicht wirklich in Sicherheit kommt“, begründet Bärbel Kannemann. „Und wenn man nicht weiß, wo man diese Sicherheit bekommen kann, dann läuft man nicht weg.“
Wegen der vielen Drogen sind Samanthas Erinnerungen nur bruchstückhaft. Was sie weiß ist, dass sie in Holland und Deutschland arbeitete. Doch wo genau - Düsseldorf, Köln? Wie soll sie so vor Gericht nachweisen, was ihr passiert ist? Das ist eines der Probleme, warum es selten zur Verurteilung eines Loverboys kommt. Das Mädchen hätte ja weglaufen können, argumentieren die meisten angeklagten Zuhälter. Warum hat sie es nicht getan? Also geschah die Prostitution doch freiwillig! Im Prozess gegen den Loverboy steht deshalb häufig Aussage gegen Aussage.
Es gibt Warnsignale für Eltern
Manche Mädchen leben scheinbar ganz normal zu Hause.
Mit Fotos sucht „StopLoverboys“ im Internet nach Mädchen, die in Holland verschwunden sind. Doch noch unglaublicher sind Fälle, wo Mädchen gar nicht erst untertauchen. Viele Mädchen leben tatsächlich weiter zu Hause, manche sogar noch jahrelang, ohne dass ihre Eltern ahnen, dass ihre minderjährigen Töchter sich prostituieren müssen. Manche Loverboys sogen sogar dafür, dass nicht zu viele Fehlzeiten im Zeugnis stehen, dass wichtige Arbeiten mitgeschrieben werden. Und die Eltern haben keine Ahnung, weil die Mädchen aus Angst perfekt lügen.
Dabei gibt es Warnsignale: ständiges Duschen und langärmlige Kleidung etwa, um Misshandlungsspuren zu verdecken, oder mehrere Handys, die ein Jugendlicher gar nicht braucht, auch viele Fehlzeiten in der Schule oder keine Teilnahme am Sportunterricht. Sollten mehrere dieser Hinweise zutreffen, sollten Eltern misstrauisch werden. Doch wie sollen sie Warnsignale erkennen, wenn sie noch nie etwas von Loverboys gehört haben? Deshalb ist es Bärbel Kannemann ein wichtiges Anliegen, umfassend auch bei uns in Deutschland über Loverboys zu informieren. In Holland wird seit Jahren offen über das Problem diskutiert. Es gibt sogar spezielle Therapien für betroffene Loverboyopfer. Auch Samantha ist mittlerweile in einer solchen Therapie untergekommen. Bärbel Kannemann und ihre Kollegin Anita de Witt von „StopLoverboys“ durchkämmen weiter die Rotlichtmilieus. Doch trotz Hilfe, nicht immer gelingt der Ausstieg. Die wenigsten Opfer können jemals ein geregeltes Leben führen. Und ohne Perspektive kehren deshalb immer wieder befreite Mädchen zu ihrem Loverboy zurück.
http://www.stoploverboys.nu/sitede/