BlauesWunder
04.05.06, 19:05
Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.
Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt
nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein
Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als
welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der
Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der
Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut.
Wenn der Mensch "Loch" hört, bekommt er Associationen: manche denken an
Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.
Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist
sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins
zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es
gelassen hat, sie werden hineingesteckt und zum Schluß überblicken sie
die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße
ist Geburt Fluch, warum sind diese Kinder auch grade aus diesem
gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen
sicher gewesen.
Wenn der Mensch ein Loch sieht, hat er das Bestreben, es auszufüllen,
dabei fällt er meist hinein. Man tut also gut, um die Löcher einen
großen Bogen zu machen, wobei man sich nicht wundern darf, wenn man in
andre fällt. Man falle also lieber in das erste. Loch ist Schicksal.
Das merkwürdige an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas,
sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das
Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs
schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des
Lochs . . . festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von
den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne.
Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.
Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten
Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die
Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum
linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide
zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.
Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich
seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem andern Loch, um ihm
sein Leid zu klagen?--wo bleibt das zugestopfte Loch: Niemand weiß das:
unser Wissen hat hier eines.
Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da
noch ein andres sein? Und warum gibt es keine halben Löcher--?
Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an
einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts
mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon.
Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich.
Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein
wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein.
Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht
richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre.
Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die
es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was leben
ist. Verzeihen Sie diesen Abschnitt, ich hatte nur zwischen dem vorigen
und dem nächsten ein Loch ausfüllen wollen.
Kurt Tucholsky (1931)
Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt
nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein
Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als
welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der
Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der
Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut.
Wenn der Mensch "Loch" hört, bekommt er Associationen: manche denken an
Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.
Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist
sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins
zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es
gelassen hat, sie werden hineingesteckt und zum Schluß überblicken sie
die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße
ist Geburt Fluch, warum sind diese Kinder auch grade aus diesem
gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen
sicher gewesen.
Wenn der Mensch ein Loch sieht, hat er das Bestreben, es auszufüllen,
dabei fällt er meist hinein. Man tut also gut, um die Löcher einen
großen Bogen zu machen, wobei man sich nicht wundern darf, wenn man in
andre fällt. Man falle also lieber in das erste. Loch ist Schicksal.
Das merkwürdige an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas,
sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das
Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs
schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des
Lochs . . . festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von
den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne.
Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.
Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten
Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die
Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum
linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide
zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.
Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich
seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem andern Loch, um ihm
sein Leid zu klagen?--wo bleibt das zugestopfte Loch: Niemand weiß das:
unser Wissen hat hier eines.
Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da
noch ein andres sein? Und warum gibt es keine halben Löcher--?
Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an
einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts
mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon.
Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich.
Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein
wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein.
Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht
richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre.
Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die
es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was leben
ist. Verzeihen Sie diesen Abschnitt, ich hatte nur zwischen dem vorigen
und dem nächsten ein Loch ausfüllen wollen.
Kurt Tucholsky (1931)